Detmold und das Warschauer Ghetto Eine Ausstellung erinnert an Opfer und Täter

Pressemeldung vom 5. Februar 2018, Detmold

Auf dem Foto sehen Sie von links: Bürgermeister Rainer Heller im Gespräch mit den Ausstellungsorganisatorinnen Dr. Bärbel Sunderbrink (Stadtarchivarin Detmold) und Heike Fiedler (Archivpädagogin) Text und Foto Stadt Detmold

Als das Warschauer Ghetto im April 1943 aufgelöst werden sollte, war es der Detmolder SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop, der diese „Aktion“ leitete. 56.000 Menschen wurden dabei umgebracht. Stroops Bericht mit dem Titel „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“ dokumentiert sein brutales Vorgehen. Über den Täter Jürgen Stroop, aber auch über die 32 Opfer aus Detmold wird im Stadtarchiv Detmold und im Landesarchiv NRW, Abt. OWL, bis zum 27. April die Ausstellung „Detmold und das Warschauer Ghetto“ gezeigt.
Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink, die in enger Kooperation mit der Archivpädagogin des Landesarchivs, Heike Fiedler, die Ausstellung konzipiert hat, erläuterte anlässlich der Eröffnung die Hintergründe des Geschehens:

Die deutschen Besatzungstruppen hatten nach dem Überfall auf Polen 1940 in Warschau ein Ghetto eingerichtet. Auf engstem Raum wurden insgesamt eine halbe Millionen Menschen eingepfercht, zunächst polnische Juden, später auch Juden aus dem Deutschen Reich – auch aus Lippe und Detmold. Im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ sollte das Ghetto aufgelöst und die Menschen ins extra dazu eingerichtete Vernichtungslager nach Treblinka gebracht werden.

Im März 1942 wurden aus dem Gestapo-Bezirk Bielefeld, zu dem auch Lippe gehörte, 325 Menschen nach Warschau deportiert. Das Detmolder Gedenkbuch führt 32 Menschen auf, die in der Stadt gelebt haben und deren Deportationsziel vermutlich Warschau war. Der Ablauf der Deportation war bürokratisch geregelt: Die Ortspolizei war für die Überstellung der Menschen zu den Sammelstellen verantwortlich. Für die Detmolder ging es in Begleitung eines Polizisten mit dem Zug nach Bielefeld. Ihre letzte Nacht vor dem Abtransport mussten sie im Sammellager „Kyffhäuser“ verbringen, einer Bielefelder Gaststätte am zentral gelegenen Kesselbrink. Am Nachmittag des 31. März 1942 startete ein Güterzug vom Bielefelder Güterbahnhof aus über Hannover und Berlin nach Warschau.
Über das genaue Schicksal der Detmolder Deportierten ist erschreckend wenig bekannt. Briefe mit der Bitte um Hilfe erreichten die Familie Frenkel aus Lemgo: Es heißt darin, es gäbe nichts zu Essen, die Angehörigen würden verhungern. Eine letzte Karte einer Detmolderin stammt von Erna Hamlet. Sie schrieb am 7. Juni 1943 aus Lublin an eine Bielefelder Freundin. Die Postkarte ist in Arolsen beim Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes erhalten geblieben.

Im Winter 1942/43 lebten noch mehr als 50.000 Menschen im Ghetto. Am 19. April 1943 – am Pascha-Fest, aber auch einen Tag vor Hitlers Geburtstag – begann die Räumung des Ghettos. Himmler hatte den als durchsetzungsstark geltenden SS-Brigadeführer Jürgen Stroop zum Leiter dieser „Aktion“ bestimmt. Als es zu bewaffnetem Widerstand kam, setzte Stroop schwere Geschütze ein. Anschließend ließ er das Ghetto systematisch „durchkämmen“ und die Häuser in Brand stecken. Durch ein gut ausgebautes System von geheimen Verbindungskanälen versuchten die Menschen dem Feuer zu entkommen. Kleine Gruppen zumeist junger Männer und Frauen wehrten sich über Wochen erbittert gegen die deutsche Übermacht. Sie hatten keine Chance. Jürgen Stroop erklärte die „Aktion“ am 16. Mai 1943 mit der Sprengung der Großen Synagoge für beendet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich Jürgen Stroop vor einem US-Militärgericht wegen der Ermordung amerikanischer Flieger verantworten. Nach Beendigung des Prozesses wurde er nach Polen ausgeliefert. Dort hat ihn das höchste polnische Gericht für seine Verbrechen im Warschauer Ghetto zum Tode verurteilt.

Bürgermeister Rainer Heller dankte dem Landesarchiv NRW, Abt. OWL, dass es die Anregung der Stadtarchivarin aufgenommen hat, die Ausstellung „Detmold und das Warschauer Ghetto“ mit zu tragen und maßgeblich mit zu gestalten. Er stellte heraus, dass das Archiv ein wichtiger Erinnerungsort für das geschehene Unrecht ist. Er bedankte sich bei Heike Fiedler, Archivpädagogin des Landesarchivs, die mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Vermittlung eines schwierigen Teils der Detmolder Geschichte beitrage.

Heller wies in seinem Grußwort darauf hin, dass es die Strategie der Nationalsozialisten gewesen ist, ihren Opfern alle Menschlichkeit zu nehmen, um die Morde zu rechtfertigen. Durch die Nennung der Detmolder Opfer stelle die Ausstellung die Erinnerung an die Ermordeten in den Mittelpunkt, um ihnen ein Stück ihrer Würde zurück zu geben. Er erinnerte an den Kniefall Willy Brandts am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos 1970, zu dem der ehemalige Bundeskanzler später sagte: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Zum Abschluss der Veranstaltung stellten Wolfgang von der Burg und Silke Dubilier in den „Szenen aus dem Ghetto“ den berüchtigten Stroop-Bericht und die Erinnerung der Überlebenden Mary Berg in beeindruckender Weise gegenüber.
2018 im Landesarchiv NRW/Stadtarchiv Detmold, Willi-Hofmann-Str. 2, zu sehen. (Mo 8-19 Uhr, Di-Do 8-16 Uhr, Fr 8-13 Uhr) Führungen durch die Ausstellung und archivpädagogische Projekte auf Anfrage (05231/766-0).

Quelle: Stadt Detmold


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